FREI SEIN

Ich war auf der Suche nach Sauerstoff. Ich wollte raus aus der engen Blase, die sich Alltag nennt. Ich war vor allem damit beschäftigt daran zu denken den Wecker richtig zu stellen, den Kühlschrank zu füllen, pünktlich zu sein, Bewerbungen zu schreiben und die Wäsche nicht in der Maschine zu vergessen. Das mag sich merkwürdig anhören, weil ich in meinen jungen Jahren ja noch nicht allzu viel Zeit in dieser Situation verbracht habe und ich mich vielleicht einfach daran gewöhnen sollte. Doch das Konzept, das ich verfolgte, schien eindeutig nicht das richtige zu sein.

Ins Ausland gehen, das war nichts für mich. Das haben andere gemacht und ich habe davon geträumt. Mir fehlte der Mut. Was, wenn man sich auf den Weg macht und dann ist es überhaupt nicht so toll? Dann ist die Enttäuschung groß und es bleibt am Ende nicht einmal mehr der schöne Traum.

Ich bin nicht am anderen Ende der Welt. Die französische Kultur ist der deutschen in vielerlei Hinsicht ähnlich und zwei Monate sind keine allzu lange Zeit. Und doch gibt mir meine Reise das, was ich mir erhofft habe – Freiheit.

Ziellos rumirren, sitzen wenn mir eine Bank gefällt, Macarons vor dem Frühstück essen. Ich gehe alleine ins Kino. Ein Film auf Englisch mit französischen Untertiteln, Dienstag Mittag um 14 Uhr. Ich kann Essen kochen oder es einfach sein lassen und schlafen, bis ich von alleine aufwache. Eine Stunde vor einem Gemälde stehen und ein anderes ignorieren, wenn ich es nicht mag. Ich darf Alltagskünstler sein, frei gestalten, Pläne schmieden und mich alle fünf Minuten umentscheiden.

Auf einmal kann ich mich darauf konzentrieren was ich sehe und rieche und wie sich die Bank unter meinem Hintern anfühlt. Ich lese ein Buch, das den Konkurrenzkampf mit dem Fernseher im Regelfall verloren hat. Niemand erwartet etwas von mir.

Ich gehe nicht davon aus, dass es eine Möglichkeit gibt diesen Zustand für immer zu behalten. Und ich liebe vieles an meinem Leben in Hamburg. Menschen, meine Wohnung und einige Strukturen, die auch Sicherheit versprechen. Tage, wie ich sie hier verbringe werden irgendwann langweilig und das Geld muss ja auch irgendwo herkommen. Und doch werde ich versuchen diese Leichtigkeit mitzunehmen und mich an diese neue Blase, die fröhlich umherfliegende, bunt schillernde Seifenblase zu erinnern. Denn ich bin schon jetzt der festen Überzeugung: Frei sein kann ich überall.

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2 Kommentare zu „FREI SEIN

  1. „Wer verlernt hat, den Vögeln beim Zwittschern zuzuhören und ab und an verliebt einer schönen Blume dabei zuzusehen, wie sie sich in einer Sommerbrise wiegt, der lebt sein Leben am Leben vorbei“

    Du bist da auf einem sehr, sehr guten Weg! LU, Pere

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