SONNTAGS

Sonntage in Paris hab ich am liebsten. Die Stadt strahlt eine unendliche Ruhe aus, ohne unbelebt zu sein. Die Menschen haben Zeit, möchten Kaffee trinken, in der Sonne sitzen, wenig sprechen. Die meisten Geschäfte bleiben geschlossen und jede Grünfläche wird für ein Picknick genutzt. Es sei denn, man verbringt den Tag am Montmartre.

Als ich gestern Morgen das Haus verließ, habe ich mir wenig Gedanken darum gemacht, wer sich gerade noch auf dem Weg zur Sacré-Cœur befindet. Man hätte ahnen können, dass sich das gesamte Aufgebot an Touristen an diesem sonnigen Tag dort einfinden wird, doch ich, die im 14. Arrondissement hauptsächlich auf Einheimische trifft, war der festen Überzeugung, dass im März kein Mensch nach Paris kommt. Als ich dann die fast endlos erscheinenden Treppenstufen bezwungen habe stand ich mittendrin, im stressigen Urlaubsgedränge. Arroganterweise total genervt schaute ich an mir herunter, auf die Kamera um meinen Hals und das Handy mit Google Maps in meiner Hand und musste mich dann leider fragen: Bin ich nicht eigentlich selbst Tourist?

Ich mag dieses Wort nicht. Es klingt nach Trekkingsandalen, Reiseführern, Sonnenbrand und alles-nur-durch-das-Kameraobjektiv-anschauen. Von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten rennen, wenig Zeit, jedes Café auf WLAN überprüfen. Ich fühle mich da einfach nicht zugehörig. Aber man muss die Dinge sehen wie sie sind. Laut Duden-Definition bin ich eindeutig Tourist. Die Länge des Aufenthalts ist für die Bezeichnung nämlich keinesfalls entscheidend. Und ich sollte mich auch entspannen, denn meine Vorstellung ist von negativen Klischees geprägt und an anderen Orten war ich auch eigentlich ganz gerne Touri. Aber jetzt ist es irgendwie anders. Ich möchte für mich einen neuen Begriff.

Mein Sonntag war trotzdem einfach wunderbar. Erst einmal daran gewöhnt waren die vielen Menschen sehr unterhaltsam und ich liebe die Kirche, die Künstler, meinen „Nutella-Crêpe with a view“ und die vielen Farben und Sprachen. Auf dem Rückweg habe ich einen tollen Flohmarkt entdeckt und inzwischen empfinde ich das alleine im Café sitzen als etwas besonders Schönes.

Vielleicht bin ich tatsächlich ein Tourist. Vielleicht eher ein Gast, eine Besucherin oder zeitlich begrenzte Wahlpariserin. Ich habe keine Ahnung und bin offen für Vorschläge, krame jetzt aber eine ganze Menge Kitsch aus und behaupte: In Paris darf man alles sein. Ein Wort braucht es dafür eventuell einfach nicht.

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Ein Kommentar zu „SONNTAGS

  1. „Home is where you hang your hat“
    In Paris bist du Pariserin mit Hamburger Wurzeln.
    In Hamburg dann Hamburgerin mit Pariser Gefühlen… klingt schön… finde ich, Père

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